Die schwere Kindheit loslassen

Kennst du diese Situationen in deinem Leben, an die du oft zurück denken musst, weil du weisst, dass sich da viel für dich geändert hat?
Und manchmal sind das Momente, wo sich im Aussen gar nicht so viel getan hat, sondern vielmehr in deinem Kopf. Wo du einen Entschluss gefasst hast oder die Dinge plötzlich anders gesehen hast.

Vielleicht war es auch ein Aha-Moment oder ein ganz besonderes Gefühl, das du da erlebt hast. Doch diese wichtigen Veränderungen im Inneren sind sehr schwer in Worte zu fassen oder gar jemand anderem zu erklären.

Ich habe jahrelang Rückführungen gemacht mit anderen Leuten und führte sie dabei in Trance zu Situationen, die für sie einschneidend waren. Häufig kamen wir da zu genau diesen Momenten, wo eigentlich nichts Besonderes passierte, sondern im Inneren eine gewichtige Veränderung stattfand.
Ein Entschluss wurde gefasst oder eine neue Haltung eingenommen, vielleicht auch nur eine andere Konklusion aus der Erfahrungen gezogen. In der Rückschau erkennen wir das genau, allerdings auch mit einer gewissen Hilflosigkeit diesen Prozess umzukehren, wenn er sich als destruktiv heraus gestellt hat.

Mich beschäftigt seit vielen Jahren ein Moment in meinem Leben, der mir immer wieder in den Sinn kommt, weil ich meinen inneren Entscheid gerne rückgängig machen möchte.
Es war während meiner Ausbildung zum Rückführungsleiter damals in Österreich, vor etwa zwölf Jahren. Wir waren eine tolle Gruppe von unterschiedlichsten Leuten und es entstanden sogar einige sehr enge Freundschaften. Die Veranstalterin war eine sehr sympathische, mütterliche Frau, die uns mit Köstlichkeiten verwöhnte und durch ihr herzliches Wesen alle inspirierte. Man wollte gerne bei ihr sein, lauschte hingebungsvoll ihren Lichtmeditationen, und freute sich über ihre Aufmerksamkeit.
Im Nachhinein denke ich, dass ich nach ihrer Zuneigung und Anerkennung regelrecht hungerte. Denn sie war auch viel erfahrener als ich was spirituelles Wachstum anging und hatte so viel erreicht, was ich auch noch erleben wollte.
In einer Mittagspause sassen wir einmal zusammen und ich legte ihr die Karten, was ich manchmal für Freunde tat. Im Gegenzug wollte sie mir mit einer neu-erlernten Methode eine numerologische Analyse zeigen und ich war neugierig, aber noch viel mehr genoss ich ihr Interesse an mir. ( da muss ich jetzt mal ganz ehrlich sein.)
Also ich gab ihr meine Daten und sie rechnete und rechnete. Dann begann sie zu erzählen, was sie denn daraus ableiten konnte. Ich muss noch anmerken, dass ich damals viele solche Methoden ausprobierte, und eigentlich genügend Skepsis und rationale Distanz zu solchen Orakeln hatte, weil mir ja auch viel Unsinniges untergekommen war.

Nachdem sie meinen Typ bestimmt hatte, kam der unvergessliche Satz: „Du hast eine schwere Kindheit gehabt – gell?“ und ein liebevoller Blick von ihr traf mich mitten ins Gesicht.
Ich stockte, weil mir diese Sichtweise völlig fremd war.
Allerdings wollte ich ihre Zuneigung, ihre Sympathie, selbst wenn ich sie mir nur mit dieser Mitleidstour erkaufen konnte. „Ja … Ja – geht so“, stammelte ich dahin, um ihr recht zu geben und nett zu sein.
Doch in meinem Kopf hatte sich genau in diesem Moment etwas Gravierendes verändert und ich weiss, dass ich es selbst verändert habe.
Genau seit diesem Augenblick sah ich plötzlich sehr traurig und schwermütig auf meine Kindheit zurück, und es fielen mir spontan viele negative Erlebnisse dazu ein.
Ich konnte es nicht wegwischen, denn irgendwie hatte ich das Drehbuch meiner Kindheit dadurch neu geschrieben, oder belegt mit einem dunklen Schatten über all die schönen Momente. Aus Heidi war Oliver Twist geworden und ich hatte keine Ahnung, wie ich das angestellt hatte oder wie ich das wieder rückgängig machen konnte.
Krass – und vor allem nicht gut.

Selbst heute, zwölf Jahre später, bin ich es noch immer nicht völlig los. Vielleicht spiele ich deshalb diese Situation gelegentlich in meinem Kopf durch um zu verstehen, wie ich diese traurige Geschichte wieder umschreibe. Mir ist zumindest klar, dass ich mit Mitleid die Sympathie der lieben Frau gewinnen wollte, aber warum bloss konnte ich mich nicht von der Lüge distanzieren?

Warum hat diese Unwahrheit sich wie ein Schatten über meine Erinnerung gelegt?

Ich hab bereits einiges versucht, meine Kindheitsgeschichte positiv auf- geschrieben, Fotos aus glücklichen Tagen betrachtet, versuche mich so oft wie möglich an die Hunde und Pferde zu erinnern, die ich abgöttisch liebte.
Doch reflexartig kommen die problematischen Ereignisse an die Oberfläche: Warum haben mich die anderen Kinder manchmal nicht mitspielen lassen?
Warum fühlte ich mich zuhause oft wie das fünfte Rad am Wagen?
Warum hasste ich gekochte Zwetschgen ( Pflaumen), Senf und Pfeffer?
Imitierte ich vielleicht mit dieser negativen Sicht einfach nur meine Mutter und andere Leute, die ihre Kindheit auch als schwierig empfanden?
Oder sass ich irgendeinem Trend auf, wo Traumatas in der Kindheit an allem Schuld waren, was heute schief läuft?

Die Wahrheit ist doch, dass ich eine glückliche und schöne Kindheit hatte, weil ich so vieles genoss und liebte. Natürlich gab es immer wieder herausfordernde Momente, aber es gab auch haufenweise Spass und tolle Erlebnisse.
Ich hatte gute Noten in der Schule und wurde viel gelobt, hatte einige Freunde und bekam mit zwölf Jahren einen Hund, das Grösste für mich überhaupt.
Natürlich möchte ich Missverständnisse, schlechte Gewohnheiten und sogenannte Traumata aus dieser Zeit auch wieder ablegen. Sie dürfen mir aber nicht die Sicht vernebeln und meine Geschichte zu einer Reise durch Mordor machen, wenn sie doch im Auenland stattfand.
Also der Kritiker in mir soll aufhören, ständig nach dem zu suchen, was noch zu bearbeiten ist und stattdessen den Fokus mehr auf meine Erfolge richten. Denn ich habe es verdient, wir alle haben es verdient, glücklich und erfolgreich zu sein.
Keiner braucht tiefstapeln oder Mitleid-heischen, um die Gunst der anderen zu gewinnen und ich höre jetzt definitiv auch auf damit.

Hiermit ändere ich es jetzt wieder zurück und verkünde ganz öffentlich:
Ich hatte eine tolle Kindheit!
Danke Mami!

 

Alles Liebe, Susanna  

Post Author: Susanna

1 thought on “Die schwere Kindheit loslassen

    Eine von uns

    (25. November 2018 - 14:32)

    Ja und wie.
    Du bist eine wundervolle Tochter.
    Aus meiner Erfahrung:
    Als Kind sehen wir die Welt in einem natürlichen gesunden Licht.
    Dann lernen wir zunehmend Dinge und Ereignisse in Frage zu stellen und erschaffen Vergleiche und Bewertungen.
    Wir sehen andere insbesondere für Niederlagen und Belastendes in der Verantwortung.
    Es scheint mir ein Schutzmechanismus des Ego zu sein, dass an seinem Glanz aus Angst vor Getrenntheit nicht kratzen will. Denn das ICH will wertvoll sein. Es will die Bestätigung von außen, da es so Verbundenheit erlangt. Koste es was es wolle. Das ICH wird nicht satt.
    Die Lehre der Schlange:
    Sie dreht sich im Kreis, beißt in ihren Schwanz und erleidet Schmerzen.
    Wenn die Schlange, also das ICH die Verantwortung für den Schmerz übernimmt, hört sie auf sich zu beißen und im Kreis zu drehen.
    Sie streckt sich aus und erkennt ihr wahres Glück in der Verbundenheit zu dem Natürlichen Sein/ Licht.
    Jegliches Leid fordert uns auf in Selbstliebe eine verantwortungsvolle Haltung einzunehmen und gemeinsam darüber hinauszuwachsen….
    und ist somit ohne Wertung ein Geschenk/ Weg/ Potential unserer Entfaltung.
    Sehen/ Gehen wir gemeinsam verantwortungsvoll weiter, tiefer, klarer.
    In geteilter verbindender mütterlicher Liebe

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