Susanna BELLONI

Wie erkennt man einen Narzisst aus der Ferne?

In Partnerschaften kann man ganz extrem beobachten wie der Narzisst bestimmt was der andere tun darf und soll. Er gibt sogar Regeln aus und masst sich an zu bewerten was der Partner richtig oder falsch macht. Seine Kriterien ändert er häufig und setzt sie manchmal brachial durch.

Nun gibt es bereits etliche Artikel und Informationen für Partner von Narzissten, da diese dem stärksten Leidensdruck ausgesetzt sind. Sie kennen auch den Narzissten ganz genau und überblicken die ganze Bandbreite seines Verhaltens, sodass sie das Muster bald erkennen können.

Der Narzisst in Organisationen oder Gemeinschaften

Doch was ist mit den Narzissten, die wir nicht in vollem Ausmass erleben? Wie können wir uns gegen diese Kollegen, Verwandten, Vereinsmitglieder und Lehrer unserer Kinder schützen? Gerade wenn man eine Persönlichkeit nur gelegentlich erlebt oder durch Hörensagen erfährt, was sie so tut, ist es schwierig den Narzissten mit Sicherheit zu erkennen.

Vor allem weil er nicht dem gleichen Profil entspricht wie der Partner-Narzisst. Denn er kann seine Opfer nicht isolieren und nicht kontrollieren.

Er achtet vielleicht gar nicht auf sein Äusseres und er ist nicht notwendigerweise laut. Es gibt also gar keine oberflächlichen oder gar optische Kriterien um ihn zu erkennen.

Trotzdem zeigt er folgende typische Merkmale:

  1. Schuldzuweisungen, Opferrolle: kaum Verantwortung für eigenen Fehler oder Niederlagen.

Es sind immer andere Schuld daran, dass es ihm nicht gut geht. Natürlich gibt es auch kurze Zeiten der Einsicht, aber die halten nicht lange an und sind auch nur dazu bestimmt andere zu manipulieren. In Krisen gelobt er sich zu bessern, doch sobald er vergisst, was auf dem Spiel steht, ist alles wieder beim Alten und andere sind wieder verantwortlich für seine Gefühle und seine Taten. Dabei kann er stundenlang darüber referieren, wie schlimm sein Leben durch andere gemacht wird und erntet meist viel Mitleid dadurch. Er will partout recht haben und er hat gelernt, dass er an sein Ziel kommt, wenn er sich als Opfer darstellt.

  1. Mangel an Empathie, keine Verständnis für andere.

So sehr der Narzisst von anderen Verständnis und Mitleid verlangt, so wenig ist er bereit es zu geben. Man würde meinen, dass seine eigene Opferhaltung auch Mitgefühl und Verständnis für andere bringt, doch er sieht einige Leute nur als Täter. Das ist die einzige Position, die ihm nützlich ist und er verlässt sie kaum. Alles dreht sich um ihn und seine Befindlichkeit, jedoch für die Gefühle und Bedürfnisse anderer, ist klein Platz in seiner Argumentation. Ausser sie bestätigen seine Opferrolle, weil sie den gleichen Tätern zum Opfer gefallen sind. Er wirkt dadurch wiederum einfühlsam, tatsächlich aber benützt er sie nur als Bestätigung seiner Täterbeschuldigungen.

  1. Unruhe stiften, Kritiksucht, Dramatiker, Ankläger.

Viele Narzsissten sehen sich gerne als Aufdecker von Missständen oder Fehlern, die andere verursacht haben. Eine seiner Lieblingsrollen, nebst dem armen Opfer, ist die des Kämpfers für die Gerechtigkeit, die häufig auf Unwahrheiten beruht. Man kann ihn gut vergleichen mit unseriösen Boulevardzeitungen, die Skandale erfinden und falsche Gerüchte benutzen um Aufmerksamkeit zu bekommen. Dabei finden sie ständig neue Unstimmigkeiten und kritisieren oberflächlich, ohne einer konsequenten Linie oder Ideologie treu zu bleiben. Es wird einfach vieles nach Belieben verzerrt und negativ interpretiert, damit es genügend Stoff für die nächste Ausgabe liefert. Sollte mal nichts Neues passierten, dann werden alte Geschichten wieder aufgerollt und neue Aspekte dramatisiert.

  1. Mit dem Kopf durch die Wand, Kontrolle und Bestimmen wollen

Durchsetzten ist das Wichtigste und dazu ist ihm jedes Mittel recht. Da er allerdings nicht recht wenig kreativ ist, so fällt die Wahl seiner Mittel häufig recht plump und einfallslos aus. Häufig wechselt er zwischen Wut, Mitleid und Verzweiflung hin und her, und versucht sämtliche emotionalen Manipulationstaktiken um andere auf seine Seite zu ziehen. Trifft er auf Widerstand, dann werden seine Versuche umso intensiver.

Er hinterfragt seine Absichten nicht, sondern sein einziges Ziel ist sich auf Biegen und Brechen durch zu setzten, was oft mit hohen Kosten verbunden ist.

  1. Hartnäckigkeit, Sturheit, langer Atem.

Die Ausdauer und Konsequenz mit der Narzissten ihre Positionen behaupten und ihre Angriffe wiederholen, ist beinahe bewundernswert. Besonders mit Argumenten, die keiner widerlegen oder belächeln kann. Und die Hartnäckigkeit zahlt sich auch meistens aus, denn wie bei einer Gehirnwäsche wiederholen sie ihre Parolen so lange, bis jemand sie glaubt.

Gerade unsichere Persönlichkeiten finden den Narzisst häufig bewundernswert und überzeugend.

  1. Instrumentalisierung anderer, Mobbing.

Andere übernehmen Verantwortung für seine Probleme und sein Wohlbefinden, kämpfen für seine Anliegen. Es ist erstaunlich, wie es ihm immer wieder gelingt, dass andere sich für ihn stark machen, selbst wenn seine Bestrebungen noch so unsinnig, unwichtig oder kindisch sind.

Ausserdem verlangt er von anderen Rücksicht auf seine Defizite, ohne jemals das Gleiche anderen zukommen zu lassen. Wie ein trotziges Kind beharrt er auf seinem Standpunkt und alle sollen sich nach ihm richten, tragen Verantwortung für sein Wohlbefinden.

  1. Unsachlichkeit: Polemik, Sarkasmus, Belächeln.

In Unterhaltungen mit Narzissten findet ständig eine Vermischung von sachlichen Argumenten und emotionalen oder despektierlichen Kommentaren statt. Er will unbedingt seinen Willen oder seine Position durchsetzten, und dazu ist ihm jedes Mittel recht.

Da der Narzisst häufig sehr emotional wird, holt er Dialoge schnell auf ein unsachliches und kindisches Niveau. Häufig werden dem anderen niedrige Motive unterstellt, anstatt die eigenen Argumente anzusehen. Seine Unterstützer finden dafür mitleidige Gründe und haben viel Nachsehen mit seiner Unsachlichkeit, weil ja die „anderen“ Schuld sind, dass der Narzisst so emotional wird.

  1. Hält sich für einen guten Redner, verdreht gerne Worte.

Der Narzisst sucht gerne das persönliche Gespräch um zu manipulieren oder seine Selbstdarstellung zu korrigieren. Er vermeidet schriftliches Festlegen oder Aufzeichnungen. Dabei gelingt es ihm geschickt Sachverhalte so darzustellen, als sein er ein unbemerkter Held und seine Leistungen wären wesentlich grösser, als sie eigentlich sind.

Gerade im Gespräch hat er Taktiken entwickelt, die den anderen emotional manipulieren und ihn so auf seine Seite ziehen. Sogar professionelle Psychiater und andere Beraten fallen wunderbar darauf hinein.

Ausserdem verbreitet er gerne unwahre Gerüchte und streitet dies nachher ab.

  1. Verzerrung von Geschichten, passende Not-Lügen erfinden.

Um rhetorisch genügend Argumente zu haben, ist der Narzisst erfinderisch. Er interpretiert nach Belieben, verdreht Fakten und häufig unterstellt er dem anderen niedrige Motive. Das wird nur selten durchschaut, ausser du bist das Ziel seiner Angriffe oder warst selbst Augenzeuge.

Häufig wird bei Narzissten das Münchhausen-Syndrom diagnostiziert, also zwanghaftes Lügen. Neuerdings jedoch sieht man dieses Verhalten im Zusammenhang mit den Motiven, nämlich Rechtfertigung seiner eigenen Fehlverhalten und Ablenkung von den eigenen Versäumnissen.

Seine Argumente wirken auch häufig wie Faulheit oder Dummheit sich mit komplexen Sachlagen oder Menschen tiefer  auseinander zu setzten.

  1. Missbrauch von privaten Kommentaren und vertraulichen Informationen, Schwächen anderer werden hoch gespielt.

Egal was in einer Unterhaltung im Beisein einem Narzissten erzählt wird, er findet irgendetwas, dass er gegen andere verwenden kann. Selbst wenn er es aus dem Zusammenhang reissen oder verdrehen muss, damit er eine Anklage daraus machen kann. Ein einziges Wort benützt er um eine riesige Geschichte oder sogar eine Verschwörungstheorie daraus zu machen.

  1. Statusdrang, jemand sein wollen, angeben.

Sein Selbstbild ist ihm sehr wichtig und schnell meint er sich „reinwaschen“ zu müssen von fälschlichen Unterstellungen. Dabei brüstet er sich mit überzogenen Erfahrungen und Errungenschaften, die eigentlich jeglicher Grundlage entbehren und auf den nüchternen Verstand nahezu lächerlich wirken. Aber auch in Vereinen oder Firmen strebt er ständig nach Äusseren Anerkennungen und hierarchischen Positionen, selbst wenn sie seinen Fähigkeiten gar nicht entsprechen.

  1. Fehlen von Fairness und Harmoniebedürfnis in Gemeinschaften.

Gerade im Familienverband, in Firmen oder Organisationen zeigt der Narzisst wenig Gemeinschaftsgefühl oder Rücksicht. Seine eigenen Spinnereien sind wichtiger als das Miteinander und häufig versucht er auch Leute gegeneinander auszuspielen. Die Unruhe ist seine Befriedigung, denn sie spiegelt seine eigene Unruhe in seinem Inneren wider. Harmonie in Gruppen ist länger unerträglich für ihn und er wird immer wieder versuchen Konflikte auszulösen. Aus seiner Sicht ist die Harmonie verlogen und nicht echt, weil er sich in seinem Inneren ganz anders fühlt.

  1. Neid, Missgunst und Betrugsvorwürfe.

Ganz typisch sind Argumente und Vorwürfe die sich um materielle Werte drehen, weil sie für viele glaubhaft und nachvollziehbar sind. Dabei klagt der Narzisst gerne Reiche an oder zeigt auf, wo er finanziell benachteiligt wurde, wenn er nicht sogar angeblich um Geld oder Sachen betrogen wurde.

  1. übertritt gerne Grenzen und Gesetze.

häufig unter dem Deckmantel der Unwissenheit oder Ignoranz, überschreiten von Grenzen der political Correctness, des normalen Anstandes, des üblichen Verhaltens. Auch Gesetze werden gerne übertreten, um zu beweisen wie überlegen man ist und besonders.

  1. Ewige Unzufriedenheit, Destruktivismus, Stimmungskiller.

Er verändert seine Argumente oder seine Kritik, wenn er widerlegt wurde. Hauptsache er findet Fehler und hat etwas zu bemängeln. Dabei handelt es sich meist um Kleinigkeiten, jedenfalls kann man es ihm nie recht machen und ihn nie zufrieden stellen.

Manche seiner Kritiken halten sich allerdings wie Parolen, vor allem wenn sie sich als wirkungsvoll gezeigt haben oder keine sachliche Argumentation gegen sie ankommt. Sie sind meist recht generell und er kann sie kaum rational erklären.

Fragt man ihn nach konkreten Wünschen oder Visionen, dann zeichnet er entweder ein völlig utopisches Bild oder lenkt aus Ratlosigkeit ab.

  1. Fehlen von Kreativität und Lösungssuche.

Der Narzisst wirkt unbeholfen Lösungen oder Kompromisse zu finden, stattdessen wiederholt er Missstände und Schuldzuweisungen. Besonders hilfsbereite und kreative Menschen denken deshalb, Narzissten unterstützen zu müssen, weil sie in ihrem eigenen Elend hilflos erscheinen.

Dabei sträuben Narzissen sich gegen Lösungen oder Kompromisse. Auch Alternativen sind für sie ein weiterer Leidensweg, der ihre Opferhaltung nur unterstützt. Sie sind einfach nie zufrieden und wurden immer vom Leben betrogen, deshalb reden sie viel von der schlimmen Vergangenheit und Ungerechtigkeit. Versucht man sie dazu zu bringen konstruktiv nach vorne zu sehen, so wird der Narzisst rasch das Handtuch werfen oder seine Verantwortung wieder an andere abwälzen.

  1. Er vermittelt ein künstliches Bild von sich, das nicht mit seinen Taten oder Verhalten übereinstimmt.

Das Ego von Narzissten ist riesig, man könnte Narzissmus überhaupt als Ego-Krankheit bezeichnen, da das Selbstbild eines Narzissten wenig mit der Realität übereinstimmt. Es ist derart künstlich und erlogen, dass Nahestehenden die Haare zu Berge stehen. Häufig schmückt sich der Narzisst mit fremden Federn oder überhöht seine Leistungen derart, dass er wie ein Superheld oder Wundermagier dasteht.

Doch genau dieses erfundene Image wird stark verteidigt und ist auch sehr verwundbar. Selbstironie oder Selbstkritik kennt der Narzisst deshalb nicht, sein Image muss mit aller Gewalt sauber bleiben.

Dabei gelingt es ihm einige Leute vollkommen zu überzeugen, während andere ihn durchschauen und sich von ihm abwenden.

  1. Geltungsdrang: er steht gerne im Mittelpunkt, liebt die Aufmerksamkeit.

Einen Narzissten zu ignorieren ist so ziemlich das Schlimmste, was ihm passieren kann. Er wird mit allen Mitteln protestieren und möglichst auch andere involvieren um ja wahrgenommen zu werden. Er wirbelt umso mehr Staub auf umso mehr man ihn zu übersehen versucht. Dabei schreckt er auch nicht vor Mitteln zurück, die die Privatsphäre und die Integrität anderer stark verletzten, also Telefonterror, Stalking, Beschimpfungen oder Hetze sind typisch, wenn er sich übergangen fühlt oder man ihn zu ignorieren versucht.

  1. Er polarisiert

Entweder liebt man ihn oder man verabscheut ihn. Der Narzisst hat nicht nur Feinde oder Leute, die sich von ihm abwenden, durch seine positive Selbstdarstellung hat er auch Fans. Die sind überzeugt davon, dass er lediglich missverstanden oder beneidet wird von anderen, und halten ihm loyal die Stange. Mehr noch: einige verteidigen ihn sogar oder fechten für ihn seine Konflikte mit anderen aus.

Man könnte sagen er teilt die Leute ein in solche, die ihm helfen wollen und solche, die sich nicht von ihm runter ziehen lassen wollen.

  1. Wenn er dich einmal im Visier hat, lässt er dich nicht mehr leicht los.

Ein typischer Narzisst ist wie ein Kaugummi am Schuh: du wirst ihn nur zähe los. Und selbst wenn du ihm den Kontakt verweigerst, wirst du ständig das Thema und vor allem der Grund für sein Unglück in seinen Gesprächen mit anderen bleiben. Er fokussiert dermassen auf dich, dass er damit ungeheuren Druck erzeugt. Er scheut nicht davor auch andere zu Hilfe zu rufen um dich zurück zu gewinnen oder dich zu strafen.

Wenn du also darauf hoffst, dass er sich von dir abwendet, dich ignoriert oder gar vergisst, dann brauchst du einen sehr langen Atem und sehr viel Geduld.

Da er durch seine Kritik wahrscheinlich schon dein Selbstvertrauen angeknackst hat, hofft er, dass du ins Zweifeln kommst und doch wieder nachgibst.

 

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