Wir beschäftigen uns viel zu sehr mit der Frage danach wer wir sind. Dem Verstand scheint es sehr wichtig zu sein eine Identität zu haben, gute Eigenschaften zu besitzen und wie wir uns nach Aussen hin zeigen.
Tatsächlich blicken wir dabei häufig in die Vergangenheit, weil unsere Taten und auch manchmal unser Aussehen ein Bild von uns selbst erschaffen zu scheinen. Auch die Handlungen und Charakteristika unserer Vorväter, die uns oft sogar schon von klein auf prägten, sollen uns angeblich noch heute definieren.
Doch ist dem wirklich so?
Wer bestimmt eigentlich wie wir sind und was aus uns geworden ist?
Ahnenaufstellung
Vor Kurzem habe ich wieder an einer Familienaufstellung teilgenommen, was sich seit vielen Jahren einfach nicht mehr ergeben hatte. Ich halte das „Stellen“ von Themen und schwierigen Situationen für eine wunderbare Technik um komplexe Zusammenhänge aus dem Unterbewusstsein aufzuzeigen.
Ich bin da auf eine sehr kompetente Stellerin getroffen, die sich auf das Thema Geld spezialisiert hat und die Erfahrung gemacht hatte, dass auch das immer wieder mit Familiendynamiken zu tun hat und dort auch bearbeitet werden sollte.
Kurzum hatte ich eine grossartige Aufstellung und mir wurde nach einigem Kopfkratzen bewusst wie sehr ich meine männlichen Ahnen immer wieder klein gemacht hatte oder gar verdrängen wollte. Theoretisch ist es mir ja klar, dass man alle seine Vorfahren, oder eigentlich sogar alle Menschen anerkennen und respektieren sollte. Bei meiner eigenen Familie allerdings hatte ich da einen blinden Fleck und das wurde mir bei dieser Aufstellung schmerzlich bewusst.
Auf einem Bein kann man nicht stehen
Tagelang habe ich dann an diesem Erlebnis herum studiert, bis es mir dann endlich klar wurde. Meine eigenen Ahnen hatten einfach mit meinem Selbstbild vielmehr zu tun, als es eigentlich nötig ist. Aus irgendeinem Grund wollte ich ihre Schwächen und Schandtaten nicht in mir anerkennen. Warum auch?
Schliesslich habe sie ja gar nichts mit mir zu tun.
Gleichzeitig habe ich dadurch aber auch ihre Stärken und Fähigkeiten, ihre Talent und Träume abgelehnt. Ein Teil meiner Geschichte, manche sagen auch Wurzeln dazu, ging dadurch in mir verloren oder wurden sogar mit Anstrengung ausgeblendet. Es fehlte nicht nur etwas, sondern es kostete mich noch dazu Energie sie zu verstecken.
Alte Weisheit
„Lebe den Traum deiner Vorväter“ lautet ein Spruch der Lakota Indianer Nordamerikas, den ich in letzter Zeit mehrmals gehört hatte. Mein Ego sträubte sich gleich dagegen, doch irgendwie blieb er mir im Kopf hängen. Er erinnerte mich an etwas, das ich selbst an mir und meinen Freunden beobachtet hatte. Denn obwohl ich mich bereits in der zweiten Hälfte meines Lebens befinde, habe ich oft noch den Eindruck mich gegen die Vorstellungen und Wünsche meiner Eltern für mich wehren zu müssen. Mein Leben heute sieht doch so völlig anders aus, als sie sich es hätten jemals denken können.
Hinter dem Spruch der Indianer liegt aber etwas ganz anderes, als die konservativen Bilder meiner Eltern. Von Träumen ist die Rede und genau diese Träume hatten alle meine Vorfahren auch, zumindest in ihrer Jugend.
Auch mein Grossvater, der eine Karriere auf einem Schlachthof machte, was ihn alsbald als Alkoholiker sterben liess. Auch er hatte als junger Mann im Widerstand gekämpft und Gedichte geschrieben. Damals träumte er sicherlich von Reisen und fernen Ländern, von der grossen Liebe, vielleicht sogar vom Ruhm eines Poeten. Natürlich ist davon nichts verbal bis zu mir überliefert worden, weil er sein Leben bereits zehn Jahre vor meiner Geburt unliebsam beendet hatte.
Freier Wille
Durch dieses Auseinandersetzten mit dem Leben meines Grossvaters als lebendiger Mensch mit Wünschen, Träumen und Hoffnungen konnte ich es schliesslich ganz klar sehen. Unser Ahnen geben uns vor allem Ideen und Talente mit, manchmal auch Weisheit oder Erfahrungen. Auf eine unsichtbare aber irgendwie fühlbare, magische Art und Weise – man nennt es vielleicht heutzutage Epigenetik.
Es ist als ob sie uns ein grosser Repertoir an Fähigkeiten oder Lebenskonzepten anbieten, aus dem wir völlig frei auswählen können, um das daraus zu nehmen, was wir gerade erleben möchten. Das heisst sie bestimmen unser Leben in keinster Weise, sondern geben uns Gelegenheiten und Wissen es besser zu machen. So unterstützen sie uns dabei, dass wir unsere Träume leben. Denn die grossen Luftschlösser der Menschen sind sich doch meist sehr ähnlich, also sind ihre wahrscheinlich die gleichen gewesen wie die unseren.
Wer bin ich?
Anstatt das Denken rund um die eigene Identifikation kreisen zu lassen, macht es viel mehr Sinn sich um die eigenen Wünsche Gedanken zu machen. Wenn man also nicht gerade eine buddhistische, mystische Meditation mit der Frage „Wer bin ich“ machen möchte, sollte man sie schleunigst mit der Frage „Wer möchte ich sein?“ ersetzten.
Dann öffnet sich der Verstand plötzlich und sieht voller Dankbarkeit diese riesige Vorratskammer an Lebenserfahrungen, die sich durch mich und meine Vorfahren gefüllt hat. Plötzlich sieht man noch brachliegende Talente oder Kindheitswünsche, die noch erlebt werden wollen. Ganz logisch erkennt man welche grossartigen Fähigketen sich leicht erwerben lassen um noch neue Ziele zu erreichen oder weiteres Land zu erobern.
Quintessenz
Aber am wichtigsten ist zu erkennen, was für ein Mitmensch man sein möchte um sich selbst wieder richtig zu mögen, nämlich ein liebender, respektvoller und kreativer Teil dieser immer weiterwachsenden Welt.

