Ich brauche deine Hilfe

Ist dir schon einmal aufgefallen, dass man diesen und ähnliche Sätze hauptsächlich nur mehr von Spam-Emails kennt?

Oder kannst du dich erinnern, wann dich das letzte Mal jemand in einer schwierigen Situation offen um Unterstützung gebeten hat? Oder du vielleicht selbst um Hilfe gebeten hast?

Ich nicht.

Dafür fallen mir haufenweise Situationen ein, wo ich Hilfe angeboten habe und andere sie nicht annehmen wollten.

Annehmen

Gestern wurde ich wieder überraschenderweise beschenkt. Mit einem tollen, selbstgestrickten Loopschal und Pulswärmern. Schöner, als sie in diversen Onlineshops angeboten werden. Meine Nachbarin und ihre Mutter stricken wieder und verteilen ihre Kunstwerke unter Familie und Freunden.

Ich hatte riesige Freunde darüber, aber kurz darauf beschäftigte mich wieder der Gedanke, wie ich mich dafür erkenntlich zeigen könnte. Als ob sie die Sachen aus Berechnung verschenken würden ….

Das Annehmen von Großartigem ist schwierig geworden, denn wir leben in einem Denken des fairen Austauschs zwischen Geld und Gütern.

Aber da ist noch etwas anderes. Der unterschwellige Gedanke alles aus eigener Kraft und aus eigener Leistung schaffen zu müssen, lässt uns oft Hilfe oder Dinge ablehnen. Ich würde mir so sehr wünschen, dass mich mal jemand fragt: „Kannst du mir mal helfen bei XY?“. Tut aber keiner.

Ich ja auch nicht. Ich käme doch nie auf die Idee so direkt und offensichtlich einzugestehen, dass ich etwas gerne haben möchte, ohne Gegenleistung.

Und wenn ich es mal tue, selbstverständlich gut getarnt als Notfall, nur selbst dann fühle ich mich irgendwie schuldig oder zumindest genötigt etwas retour zu geben. Dabei würde ich selbst nie etwas dafür verlangen meine Freunde zu unterstützen.

Betrug der Emotionen

Eine andere Situation aus der ich Hilferufe kenne, ist aus der Familie, wenn hinter dem Hilferuf eigentlich der Wunsch nach Nähe oder Verbundenheit steckt. Meist war der angebliche Notstand bloß eine Ausrede dafür, wieder miteinander zu sein oder Kontakt zu haben. Ein Symptom der Einsamkeit und der Langeweile, manchmal auch der mentalen Überforderung. Leicht als Manipulation enttarnt und verbreitet Unmut.

Also in der Familie um Hilfe zu bitten ist legitim, wird aber oft missbraucht als Vorwand für emotionale Bedürfnisse. Merkwürdig, nicht wahr?

Was ist es aber, dass uns auf Hilferufe reagieren lässt? Sind es Instinkte oder vielleicht der eigene, versteckte Wunsch öfter mal um Hilfe zu bitten? Sind wir zu selbstständig und stolz geworden wegen Kleinigkeiten oder Großem andere um Unterstützung zu bitten? Sodass wir dann auf die Not anderer stark reagieren, weil sie uns an unsere eigenen Wunsch nach Hilfe erinnert?

Das Miteinander und die gegenseitige Unterstützung ist in einer Wohlstandsgesellschaft rar geworden und ständig am abnehmen, das erforschte bereits der „Club of Rome“ in den 1970er Jahren. Während es in sehr armen Ländern völlig normal ist, Waren und Dienste auszutauschen und es einfach eine Frage der Notwendigkeit ist, wird selbst das freigiebige Miteinander bei uns zum Luxus.

Das wirkt etwas unverständlich, weil man möchte doch meinen, dass gerade in einer Welt des Überflusses die Güter und Services nur so fließen könnten, ohne strenge Verrechnung oder Regulierung. Tatsächlich aber ist das Gegenteil der Fall, denn Geiz ist geil und wir können gar nicht genug anhäufen, und isolieren uns zunehmend.

Entsorgungsproblem

Weil gerade das Klima als Umweltsorge Nummer 1 in allen Medien präsent ist, dürfen wir aber neue Schwierigkeiten nicht einfach so ignorieren. Unser kommerzielles Verhalten und die Sorglosigkeit mit der wir immer mehr billige Produkte kaufen, führen zu einem riesigen Abfallhaufen. Nicht nur Elektronikschrott, Plastikberge und Atommüll sind unlösbare Probleme, sondern auch unsere privaten Berge an unnötigen Dingen wie Kleidern oder Küchenhilfen, Kinderspielzeug und Deko.

Die Müllhalden quellen über und zusätzlich zum saisonalen Hausputz gesellt sich eine riesige Entrümpelungsaktion. Im Prinzip werfen wir ständig weg um Platz für Neues zu schaffen, wie uns der Werbeslogan eines Möbelhauses fortlaufend suggeriert.

Ich sehe da immer die Parallele zu unseren Köpfen, in denen ja auch sehr viel mehr angesammelt wird, als noch vor 100 Jahren. So viel Information wie heute war noch nie zugänglich und der Drang alles behalten zu müssen, ist größer denn je.

All diese schnelllebige Informationen und Ansprüche überlagern allerdings unsere emotionalen Bedürfnisse und sozialen Kompetenzen, die wir erst wieder mühsam ausgraben müssen. Ganz im Gegenteil führt die ständige Werbung zu einer Abwehrhaltung und sehr großen Misstrauen gegenüber Versprechungen.

Kein Wunder also, dass wir Geschenktem sehr argwöhnisch gegenüber stehen und uns kaum getrauen einfach so, ohne klarer Gegenleistung um Hilfe zu bitten.

Wir haben es uns abtrainiert. Nur wer schwach und sehr verzweifelt ist tut das nur mehr. Oder Betrüger. Nicht wahr?

Echte soziale Kompetenz

Beides nicht gerade Stigma, die wir uns selbst anheften wollen, sondern wir kämpfen uns lieber selbst durch oder jammern mal so zwischendurch.

Absurderweise wollen Leute, die sehr viel klagen aber nur selten Hilfe, sondern vielmehr Mitleid und Aufmerksamkeit. Eine wirklich schlechte Angewohnheit und sehr verwirrend für den Zuhörer.

Denn tatsächlich wollen wir gerne unseren Freunden und Familie helfen, allerdings auf eine gesunde und bereichernde Art und Weise. Diese Form des Miteinanders, frei von Bedingungen, Ansprüchen oder Lügen wäre tatsächlich wieder wünschenswert und nötig.

Und gerade Umweltprobleme machen uns bewusst, wie sehr wie in einem Boot sitzen und einander brauchen. Wir sind alle aufeinander angewiesen und noch mehr Regeln, Gesetze und Verbote werden nicht die Notwendigkeit kompensieren miteinander zu reden und miteinander zu gestalten.

Deshalb brauche ich deine Hilfe – ganz sicher.

Denn wir wollen selbstständig und miteinander ein besseres Leben kreieren und genießen – aus unserem freien Willen heraus.


Alles Liebe, Susanna

Post Author: Susanna

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