Aggression – eine neutrale Urkraft

Nicht nur von astrologischen Beschreibungen kennen wir dieses proaktive und manchmal recht emotionale Bedürfnis mit voller Kraft irgendwo hinein zu preschen. Eine martialische Attitüde, die meist Männern zugestanden wird, allerdings nicht zu dem Frauenbild unserer Zeit, so vielfältig es auch geworden ist, recht passen will.

Und doch sind wir alle gefragt diese Impulse zu leben, sie konstruktiv zu nutzen und sie gezielt zu lenken.

Gerade wer mit Erziehung und Führung zu tun hat, ist sich dieser Notwendigkeit sehr wohl bewusst. Denn es braucht viel Energie um einzuschreiten, andere voran zu bringen und auch manchmal seinen Standpunkt ganz deutlich zu vertreten.

Widersprüche

Trotzdem erleben Frauen diese Urkraft häufig als gefährlich oder unerwünscht, vor allem in der direkten Begegnung wird sie oft unterdrückt. Denn wir sehen uns gerne sanft, herzlich und gutmütig, was sich scheinbar nur schlecht vereinbaren lässt. Viel lieber wären wir gerne weiblich stark, und würden gerne mit unserer mütterlichen Ruhe herrschen. Nur leider funktioniert das in vielen Situationen schlecht, denn auch wir sind immer wieder gefordert, wie Löwen zu brüllen, um unsere Aufgaben gut zu erfüllen.

Und wer kennt nicht das schlechte Gewissen nach der emotionalen Explosion? Lange aufgestauter Ärger gepaart mit Ratlosigkeit, haben uns scheinbar wieder in die Falle des Drachen tappen lassen. So wollten wir doch nicht mehr sein, wir wollten gewaltfreie Lösungen und vernünftige Dialoge.

Doch vielleicht sind es gerade diese Wünsche, die unrealistisch sind.

Der eigentliche Unterschied ist statistisch

Mittlerweile wissen wir doch, dass sich Männer und Frauen gar nicht so sehr unterscheiden wie zwei unterschiedliche Spezies. Überwiegend tragen sie doch die gleichen Veranlagungen und Impulse mit sich herum, die allesamt sinnvoll und berechtigt genutzt werden können.

Und natürlich ist es auch nützlich auf Unterschiede in der Veranlagung hinzuweisen, solange sie nicht die Gemeinsamkeiten völlig überlagern oder übertrieben Stereotypen entstehen lassen.

Es darf also gerne auf gewisse Stärken der einzelnen Geschlechter hingewiesen werden, um sie positiv zu sehen und so auch am richtigen Ort einzusetzten. Gleichzeitig können wir aber nicht verlangen, dass jeder diesen Durchschnittswerten entspricht, also zum Beispiel Frauen gut feinmotorisch sind und Männer dafür fortschrittlich.

Tücke Kopf

Doch genau das machen wir häufig in Gedanken, weil unser Verstand Vereinfachungen und Schubladen liebt. Daumenregeln und rein rechnerische Daten werden dann zu Massstäben der eigenen Beobachtung und Klassifizierung. Das ist ein tückische Falle, denn unbewusst machen wir uns dadurch selbst Vorgaben, wie wir selbst sein sollten.

Häufig vermischen wir da allerhand Informationen, angefangen von Kindheitsprägungen hin zu Idealbildern aus der Unterhaltungsindustrie.

( Eine Frau soll also ihren Mann stehen, aber dabei noch ganz Frau bleiben – nicht wahr? )

Die Kritik an anderen ist dabei noch das geringste Übel. Die eigenen Vorstellungen von Frau-Sein und Mann-Sein im Kopf sind übler.

Denn im Verstand bilden sich allerhand halbfertige Ideen, wie wir selbst zu sein haben, denen wir meist nicht entsprechen.

Das führt immer wieder zu Selbstkritik und schlechtem Gewissen, weil wir unseren unscharfen Vorgaben ja gar nicht genügen können.

Integration

Gerade dieser aggressive Drang in uns, Dinge vorwärts bringen zu wollen oder effektive Korrekturen mit viel Energie rauszulassen, ist ein nützlicher. Er war in den letzten Jahrhunderten kein Bestandteil des idealen Frauenbildes der Gesellschaft, und doch hatten die wenigen gefeierten Heldinnen, genau dieses Merkmal an sich. Sie waren immer Kämpferinnen in einem männlich dominierten Metier und mussten sich mit unerhörtem Engagement durchsetzten. Nachgeben oder zurückweichen hat sie nicht im Programm, sondern vielmehr wilde Entschlossenheit und viel Kraft.

Ob Madame Curie, Maria Montessori oder Mutter Theresa, sie alle liessen sich nicht davon leiten wie sie sein sollten, sondern vielmehr davon, was sie erreichen wollten. Das eigene Selbstbild war ihnen relativ egal, und was andere von ihnen dachten, nutzten sie lediglich um ihre Vorhaben umzusetzen. Sie wirkten wie ein ungebremster Zug, der wie auf Schienen seiner Bestimmung entgegen fuhr, ohne sich um das eigene Ego zu scheren.

Ziele statt Momentaufnahmen?

Ich denke, diese grossartigen Heldinnen haben sich selbst entstehen lassen, ohne sich darum zu kümmern, wie sie sich selbst sahen. Ihr Fokus lag so sehr auf ihren Träumen und Wünschen, dass sie sich mit Leidenschaft eingeben konnten. Oft entstand von Aussen der Eindruck sie hätten Scheuklappen auf oder würden keine Rücksicht auf ihre Umgebung nehmen. Doch vielleicht ist gerade das der Trugschluss.

Erst die intensive Hingabe und Beschäftigung mit einer Sache kann Meisterleistungen entstehen lassen, die zuvor noch nicht dagewesen sind.

Folgen wir also unseren inneren Drängen und ignorieren die Bedenken und Kopfbremsen unserer gesellschaftlichen Prägung, können wir uns zu Spitzen ebendieser Gesellschaft entwickeln.

Und genau dazu ist diese fortschrittliche und oft drängelnde Urkraft in uns allen gut, selbst wenn sie auch mal etwas zerstört. Denn auch das gehört zum Lauf der Dinge, also ohne „Stirb“ kein „Werde“ und ohne Tod keine Geburt.

Post Author: Susanna

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